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Abb.: Vanessa Schreiber

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen

Forschungsprojekt SchuB-F

Projektbeschreibung:

Schulische Teilhabe im Kontext von Flucht, Behinderung und Benachteiligung

(SchuB-F)

 

Ausgangslage und Forschungsüberblick

 

Mit Blick auf die Expertise von Klemm (2016) lässt sich konstatieren, dass im Jahr 2015 ca. 150.000 Schüler*innen mit Fluchterfahrungen im schulpflichtigen Alter der Primarstufe und der Sekundarstufe I in Deutschland lebten. Darüber hinaus sind 260.000 geflüchtete Jugendliche und Heranwachsende in einem Alter (16-25 Jahre), das klassischerweise mit dem System der Ausbildungsvorbereitung oder der Ausbildung assoziiert ist. Bislang unbekannt ist in diesem Zusammenhang die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen, welche von einer Behinderung betroffen sind. Auch sonderpädagogische Förderbedarfe und separierte bzw. inklusive Beschulungsform werden für diese Gruppe nicht differenziert erhoben. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass etwa 10-15 % aller Menschen mit Fluchterfahrungen eine behinderungsbedingte oder medizinisch induzierte Schutzbedürftigkeit aufweisen, wobei jedoch fluchtbedingte psychische Erkrankungen noch unberücksichtigt bleiben (Schwalgin 2014, Turhan 2016). Es kann derzeit nur geschätzt werden, wie viele der Kinder und Jugendlichen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind, sonderpädagogischen Förderbedarf aufweisen, etwa im Bereich geistige Entwicklung, Hören, Sehen, emotionale und soziale Entwicklung oder Autismus. Belastbare Zahlen, die die Merkmale "Flucht" und "Behinderung" miteinander in Beziehung setzen, liegen nicht vor. Auf der Basis allgemeiner Jugendgesundheitsstudien, den aktuellen Quoten sonderpädagogischer Förderung sowie unter Einbezug der besonderen Vulnerabilität für psychosoziale, geistige, Sinnes- und körperliche Behinderungen im Kontext von Flucht (etwa durch extremtraumatische Erfahrungen, Mangelernährung, fehlende medizinische Versorgung, Unfälle) kann begründet davon ausgegangen werden, dass es sich um mindestens 20 % der geflüchteten Kinder und Jugendlichen handelt.

 

Für das noch junge Forschungsfeld im Spannungsfeld von Migration, Flucht und Behinderung werden insbesondere von der Intersektionsforschung soziale Lebenswirklichkeiten von Menschen aufgegriffen und in ihrer dynamischen Interaktion verschiedener Dimensionen von Heterogenität betrachtet (Wansing/Westphal 2014, 2019). Ihre Bedeutung zeigt sich dabei in der intensiven Fokussierung auf Komplexität und Vielschichtigkeit für Zusammenhänge. Erste empirische Untersuchungen in der Sonderpädagogik und der Sozialen Arbeit an der Schnittstelle von Migration und Behinderung verweisen häufig auf hohe Kommunikationsbarrieren, unzureichende Aufklärung hinsichtlich möglicher Unterstützungsangebote sowie kulturdifferente Interpretationsmuster und Bewältigungsformen bei Behinderung (Hedderich 2016; Halfmann 2012; Kohan 2019; Kutluer 2019; Amipur 2015).

Es kann davon ausgegangen werden, dass Kinder und Jugendliche mit doppelter Belastung, Flucht und Behinderung, als besonders vulnerabel für Traumatisierung und schulische Marginalisierung identifiziert werden können. So ist einerseits Flucht als Risiko für die Entstehung von Behinderung anzusehen, andererseits ist die Behinderung eines Familienmitglieds nicht selten auch Grund für notwendige Migration. Die doppelte Heterogenitäts- wie auch Risikodimension ist erziehungswissenschaftlich bisher primär als Thema von Studienabschlussarbeiten oder im Sinne prä-wissenschaftlicher Auseinandersetzungen aufgegriffen worden (Bubb & Sachsenhauser, 2016; Kauczor, 2004). In der qualitativen Kindheitsforschung verweisen aktuelle Beiträge analog dazu auf die hohe Bedeutsamkeit von Spracherwerb und Schulbesuch als zentrale Elemente der kindlichen Zukunftsperspektive (World Vision 2016; Merz 2017).

 

Das pädagogischen Handlungsfeld Schule bekommt diesbezüglich eine besondere Bedeutung als Ort des Lernens und des Dialogs, „dass für alle Beteiligten Unterstützungsangebote entwickelt […], die für die Orientierung und Sicherheit sorgen können“ (Kühn & Bialek 2017, S. 102). Entsprechend große Anforderungen werden dadurch an die pädagogischen Fachkräfte in den Schulen gestellt und von ihnen selbst identifiziert. Mangelnde Deutschkenntnisse, unterschiedliche Bildungserfahrungen und verschiedene kulturelle Hintergründe sowie traumatische Erfahrungen der jungen Menschen mit Fluchterfahrungen erfordern besondere Maßnahmen im schulischen Alltag (Fazel, Reed, Panter-Brick & Stein 2012, Bubb & Sachsenhauser 2016, Zimmermann 2016).

 

Um sich an die aktuelle Situation der schulischen Teilhabe von Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und Behinderung anzunähern, ist eine Erhebung zur Erfassung der gegenwärtigen schulischen Bedingungen aus Sicht der Sonderpädagog*innen in Deutschland geplant. Diese soll anknüpfen an die am Institut für Rehabilitationswissenschaften durchgeführte Pilotstudie zur Situation hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation (Becker & Juche 2018).

 

Wissenschaftliche Ziele und Fragestellungen des Projekts

Ziel des Forschungsvorhabens „Schulische Teilhabe im Kontext von Flucht, Behinderung und Benachteiligung (SchuB-F)“ ist die Erfassung der gegenwärtigen Bedingungen für Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und vermuteten bzw. diagnostizierten sonderpädagogischem Förderbedarf aus Sicht der Sonderpädagog*innen in Deutschland. Exemplarisch sollen diesbezüglich Fachkräfte aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen befragt werden.

Folgende Fragestellungen sollen für das geplante Projekt zielführend sein:

  • Wie viele Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und sonderpädagogischem Förderbedarf betreuen die befragten Sonderpädagog*innen? Welche Formen des Unterrichts besucht diese Gruppe?
  • Wie nehmen Sonderpädagog*innen die Situation der Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und sonderpädagogischem Förderbedarf im emotional-sozialen Bereich sowie im Lernen war?
  • Wie schätzen Sonderpädagog*innen ihre aktuellen Arbeitsbedingungen mit Blick auf die Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Diagnostik, Didaktik, Sprachbildung und Elternarbeit ein?
  • Über welche Ressourcen, Kooperationen und Netzwerke verfügen Sonderpädagog*innen in der Arbeit mit Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und sonderpädagogischem Föderbedarf?
  • Wie empfinden Sonderpädagog*innen ihre eigene Selbstwirksamkeit und Professionalisierung im Hinblick auf die Unterstützung von Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und sonderpädagogischem Förderbedarf?
  • Welche positiven und kritischen Aspekte sehen die Sonderpädagog*innen gegenwärtig in ihren Schulen? Bestehen Wünsche bzw. Anregungen oder auch Befürchtungen für die Zukunft hinsichtlich der Arbeit mit Schüler*innen mit Fluchterfahrungen und Behinderung?

 

Für die Durchführung der Studie ist eine quantitative Datenerhebung mittels eines neu entwickelten, nicht standardisierten Online-Fragebogens geplant. Um aussagekräftige Daten zu generieren, operationalisiert das Instrument folgende Bereiche: Erfahrungen zur schulischen Situation im Bereich emotionaler und sozialer Entwicklung sowie des Lernens, Didaktik und Lehr-/Lernmaterial, Diagnostik, Sprachbildung, Elternarbeit, Netzwerke und Kooperation, Ressourcen sowie Aspekte der Selbstwirksamkeit und Professionalisierung. Geschlossene und offene Kategorien bieten die Möglichkeit der sowohl quantitativen als auch qualitativen Auswertung. Auf der Basis dieser Datengrundlage sollen Handlungsempfehlungen für die pädagogische Praxis sowie für anknüpfende wissenschaftliche Untersuchungen für die Schnittstelle an den Dimensionen Fluchtmigration und Behinderung abgeleitet werden.

 

Projektleitung und Koordination

 

Humboldt-Universität zu Berlin

Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät

Institut für Rehabilitationswissenschaften

 

Projektleitung:

Prof.in Claudia Becker  (Abteilung Gebärdensprach-/Audiopädagogik)

Prof. David Zimmermann  (Abteilung Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen)

 

Koordination:

Sophie Friedrich  (wiss. Mitarbeiterin)

Mail: sophie.friedrich.1@hu-berlin.de

Tel.:  030/2093-66738

 

 

Literatur

 

Amipur, D. (2015): Othering-Prozesse an der Schnittstelle von Migration und Behinderung – „Die muslimische Familie“ im Fokus. In: Zeitschrift Für Inklusion, (3). Verfügbar unter: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/299 (Stand. 25.06.18)

 

Becker, C. & Juche, H. (2018.): Hörgeschädigte Schüler mit Fluchthintergrund an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt „Hören und Kommunikation“. In: Hörgeschädigtenpädagogik 71 (1), 6-14

 

Bubb, S. & Sachsenhauser, K. (2016): Zur Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge mit einer Hörschädigung in Deutschland - eine Fallbeschreibung. In: Sonderpädagogische Förderung heute, 61 (1), 87–97

 

Fazel, M.; Reed, R.V.; Panter-Brick, C. & Stein, A. (2012): Mental health of displaced and refugee children resettled in high-income countries: risk and protective factors. In: The Lancet. Volume 379, Issue 9812, 266-282

 

Halfmann, J. (2012): Migration und Komplexe Behinderung. Eine qualitative Studie zu Lebenswelten von Familien mit einem Kind mit Komplexer Behinderung und Migrationshintergrund in Deutschland. Dissertation an der Universität zu Köln. Verfügbar unter:  https://kups.ub.uni-koeln.de/4950/1/Halfmann_Dissertation_2012.pdf (Stand. 25.06.18)

 

Hedderich, I. (2016): Migration-Flucht-Behinderung: Zusammenhänge und Perspektiven. In: Sonderpädagogische Förderung heute. 61 (4), 397-407

 

Kauczor, C. (2004): Migration, Flucht und Behinderung - Eine transkulturelle Behindertenhilfe als gesellschaftliche und institutionelle Herausforderung für Deutschland. In: Kauczor, C., Lorenzkowski, S. & Al Munaizel, M. (Hrsg.): Migration, Flucht und Behinderung. Essen: Eigenverlag, 69-80

 

Klemm, K. (2016): Schülerinnen und Schüler aus Flüchtlingsfamilien: Eine Expertise zum Personalbedarf. Verfügbar unter: https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2016/pdf-bildungsbericht-2016/bb16_expertise_klemm.pdf (Stand. 25.06.18)

 

Kohan, D. (2019): Migration und Behinderung – Eine doppelte Belastung? Ergebnisse aus einem Projekt zu russischsprachigen, jüdischen Zuwanderern mit einer Behinderung. In:  Westphal, M. & Wansing, G. (Hrsg.): Migration, Flucht und Behinderung. Herausforderungen für Politik, Bildung und psychosoziale Dienste. Wiesbaden: Springer VS. 43-60

 

Kühn, M. & Bialek, J. (2017): Fremd und kein Zuhause. Traumapädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

 

Kutluer, F. (2019): Das Verständnis von Behinderung in anderen Ländern und seine Auswirkung auf die Inanspruchnahme des Hilfesystems in Deutschland am Beispiel Russland und Türkei. In: Westphal, M. & Wansing, G. (Hrsg.): Migration, Flucht und Behinderung. Herausforderungen für Politik, Bildung und psychosoziale Dienste. Wiesbaden: Springer VS. 187-205

 

Merz, D. (2017): Traumatische Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen durch Krieg, Gewalt und Flucht – ein Einblick. In: Bleher, W. & Gingelmaier, S. (Hrsg.): Kinder und Jugendliche nach der Flucht. Notwendige Bildungs- und Bewältigungsangebote. Weinheim: Beltz. 216-237

 

Schwalgin, S. (2014): Flüchtlinge mit Behinderung: Menschen in einer besonders prekären Situation. In: Migration und Bevölkerung. Newsletter 12.Dez. 2014. Verfügbar unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/newsletter/197794/fluechtlinge-mit-behinderung (Stand. 25.06.18)

 

Turhan, H. (2016): Gesundheitsversorgung von geflüchteten Menschen mit Behinderung. In: Rechtsdienst 3. 151-154. Verfügbar unter: https://bvkm.de/wp-content/uploads/Beitrag-zur-Gesundheitsversorgung-von-gefl%C3%BCchteten-Menschen-mit-Behinderung-im-Rechtsdienst-der-Lebenshilfe-Nr.-3-2016-September-2016.pdf (Stand. 25.06.18)

 

Westphal, M. & Wansing, G. (2019): Migration, Flucht und Behinderung. Herausforderungen für Politik, Bildung und psychosoziale Dienste. Wiesbaden: Springer VS

 

World Vision Deutschland/Hoffnungsträger Stiftung (Hrsg.) (2016): Angekommen in Deutschland. Wenn geflüchtete Kinder erzählen. Friedrichsdorf: World Vision Institut

 

Zimmermann, D. (2016): Traumapädagogik in der Schule. Pädagogische Beziehungen mit hoch belasteten Kindern und Jugendlichen. Gießen: Psychosozial

 

Zimmermann, D. (2016): „Geprügelte Hunde reagieren so.“ Zwangsmigration und Traumatisierung. In: W. Weiß, S. B. Gahleitner, T. Kessler & J. Koch (Hrsg.): Handbuch Traumapädagogik. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. 200-209