Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen

Promotionsvorhaben: Abstracts

Marie Luise Alder:
Allusionen im psychotherapeutischen Gespräch - Eine besondere sprachliche Ressource.

Die Arbeit untersucht transkribierte Audioaufnahmen von psychotherapeutischen Stunden aus verhaltens- und tiefenpsychologisch fundierten Verfahren sowie der Psychoanalyse. Die Audioaufnahmen stammen aus der abgeschlossenen Langzeitstudie namens „Münchener Depressionsstudie“. Die Allusion ist ein aus der Literaturwissenschaft entlehntes Konzept (Carmelia Perri), überführt in die Untersuchung des Sprechens in Interaktion. Letzteres bezieht sich auf die reichhaltigen Erkenntnisse aus der Konversationsanalyse. Mit der Konversationsanalyse als Forschungsmethode, bezieht sich die Arbeit insbesondere auf Gail Jefferson, Erving Goffman und anderen Interaktionsforschern, auch aus der Psychologie. Leitend für den Blick auf das Material ist die psychoanalytische Annahme, dass das Gesprochene die aktuelle Beziehung adressiert, auch wenn manifest von etwas anderem die Rede ist. Durch den Rückgriff auf die vorangegangene Interaktion werden Allusionen im Gespräch nachvollziehbar gemacht und deren Funktion als versteckter Trouble-Talk herausgearbeitet.

GutachterInnen: Prof. Bernd Ahrbeck, Prof. Michael B. Buchholz, Prof. David Zimmermann

 

Sarah Badura:
Psychodynamische Ansätze zur Genese und Behandlung von psychischen Störungen bei Patienten mit geistiger Behinderung. Eine qualitative Interviewstudie mit psychodynamischen Psychotherapeuten, die erwachsene Patienten mit geistiger Behinderung behandeln.

Die explorative Dissertation befasst sich aus psychodynamischer Perspektive mit der Genese und Behandlung von psychischen Störungen bei Patienten mit geistiger Behinderung.

Zum Einen geht es darum, wie die Störungsbilder (v.a. intrapsychisch) beschaffen sind und welche Erklärungen zur Genese herangezogen werden. Zum Anderen wird die Arbeit von der Frage geleitet, wie psychodynamische Behandlungen durchgeführt werden.

Zur Untersuchung der Thematiken werden zwei Arten von Quellen genutzt und im Hinblick auf Überschneidungen und Differenzen miteinander in Bezug gesetzt: Im ersten Teil erfolgt eine umfangreche Literaturrecherche, um psychodynamische Überlegungen gegenüber zu stellen. Im zweiten Teil folgt eine qualitative Interviewstudie, die praktisch tätige Psychotherapeuten als Experten zu den Inhalten befragt.

GutachterInnen: Prof. Bernd Ahrbeck, Prof. David Zimmermann, Prof. Dieter Katzenbach

 

Ulrike Fickler-Stang:
Psychoanalytische Pädagogik und die Frage nach ihrer aktuellen Relevanz in der Arbeit mit delinquenten und dissozialen Jugendlichen – historisch-verklärende Rettungsromantik oder zukunftsweisende Ansätze?

Die Dissertation beschäftigt sich mit einer fachspezifisch relevanten Thematik: Es wird anhand einer Literaturanalyse der Frage nachgegangen, in wieweit frühe psychoanalytische Konzepte zum Umgang mit ‚schwierigen‘ Kindern und Jugendlichen Antworten auf gegenwärtig drängende Fragen der Fachdisziplin ‚Pädagogik bei Verhaltensstörungen‘ geben und neue Perspektiven ermöglichen können. Bei einer dezidierten Betrachtung ausgewählter früher psychoanalytisch-pädagogischer Theoriebildung zeigt sich, dass die damaligen Praxiskonzepte noch immer eine häufig unerkannte und ungeahnte Aktualität aufweisen, anschlussfähig an die gegenwärtige Diskussion sind und für die aktuelle Erziehungswirklichkeit nutzbar gemacht werden können. Das gilt auch für ihre theoretischen Begründungen, wie sich anhand eines Abgleichs mit der weiteren Theoriebildung belegen lässt.

GutachterInnen: Prof. Bernd Ahrbeck, Prof. Erwin Breitenbach

 

Anna Gätjen-Rund:
„Immer online?“ Der Einfluss neuer Medien auf die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Eine psychoanalytisch-empirische Untersuchung über die Verwendung des Smartphones in der psychoanalytischen Behandlungssituation.

Grundlage dieser empirischen Studie sind vier klinische Einzelfallstudien von Jugendlichen, die aus der Praxis der Verfasserin stammen. Bei diesen ausgewählten Jugendlichen bekam das Smartphone passager eine besondere Bedeutung in der Behandlung. Es half Trennungen zu überbrücken, es piepte ständig, oder eingehende Chat-Nachrichten mussten beantwortet werden etc.

Diese Arbeit bedient sich psychoanalytischer Erkenntnisinstrumente, um das dargestellte Material zu untersuchen, welches als das „Hermeneutische Feld 1“ gekennzeichnet wird. Unter Anwendung psychoanalytischer Erkenntnismethoden soll eine Diskussion über die unbewusste Bedeutung des Smartphones im Sinne eines hermeneutischen Verfahrens dem Verständnis zugeführt werden. Mit besonderem Interesse soll das Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen betrachtet werden.

In einem weiteren Schritt, den ich „Hermeneutisches Feld 2“ nenne, nutze ich die Erkenntnisse aus der psychoanalytisch orientierten Sozialforschung und orientiere mich an der psychoanalytisch-tiefenhermeneutischen Methode (Lorenzer 1986, Leithäuser und Volmerg 1988, Löchel 1997) Hierzu wird das Material aus dem „Hermeneutischen Feld 1“ -also die Gedächtnisprotokolle vom Anfang, Mitte und Ende der ausgewählten Einzelfallstudien - einer Gruppe von Psychoanalytikerinnen vorgelegt, die das Material mit der Frage: „Welche Bedeutung kommt dem Smartphone zu?“ nach dem Verfahren psychoanalytisch- tiefenhermeneutischer Textinterpretation auswertet und es so zu erweiterten Reflexionsprozessen kommen kann.

GutachterInnen: Prof. Elfriede Löchel, Prof. Bernd Ahrbeck, Prof. David Zimmermann

 

Josef Hofman:
Die Beziehungsdimension des Lehrkräfteverhaltens im Unterricht mit psychosozial beeinträchtigten SchülerInnen.

Die Erfahrungswelt von psychosozial beeinträchtigten SchülerInnen ist durch massive soziale Problemlagen und gestörte familiäre Beziehungsprozesse geprägt. Um in der Schule lernen zu können, bedürfen diese SchülerInnen eine sichere Beziehung. Wie Lehrkräfte diese Beziehung gestalten und welche Auswirkung dies auf das Erleben der SchülerInnen hat, ist Gegenstand dieses Promotionsvorhabens. Zu diesem Zweck werden authentische Unterrichtsstunden videographiert und ausgewertet.

Ziel ist es anhand dieser Unterrichtsvideos Beziehungsstrukturen und Lehrstile zu rekonstruieren und den Zusammenhang mit dem Erleben der SchülerInnen mit psychosozialen Beeinträchtigungen zu prüfen.

GutachterInnen: Prof. David Zimmermann

 

Juliane Hummitzsch:
Symptom, Trieb, Sexualität. Studie zum Nutzen des Triebbegriffs für ein psychoanalytisches Verständnis der ADHS.

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) wird von PsychoanalytikerInnen gegenwärtig zunehmend als Resultat eines Defizits in der Mentalisierung und Resultat einer narzisstischen Wunde (»Tote Mutter«-Komplex nach Green) verstanden. Damit wird ADHS näher an frühen Störungen als an konfliktzentrierten reiferen Neurosen angesiedelt.

In meiner Dissertation untersuche ich den Nutzen der Triebtheorie für ein Verständnis von neurotischen, psychotischen und Grenzfall- bzw. narzisstischen Erkrankungen, in deren Feld sich ADHS-Symptomatiken befinden. Angelehnt an die Zunahme der »heterogenen« Patientenschaft arbeite ich über den Trieb, durch den das Denken mit Objekt und Konflikt nicht verloren geht, ein Gelenkstück zwischen den verschiedenen Gruppen psychischer Störungen heraus, welches einen fruchtbaren Zugang auch zu ADHS eröffnet.

GutachterInnen: Prof. Bernd Ahrbeck, Prof. Elfriede Löchel, Prof. David Zimmermann

 

Florian Jacobs:
Die Bedeutung medialer Gewalt für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche sowie Schüler mit emotional-sozialem Förderbedarf in einer Berliner Nachsorgeschule.

Das geplante Forschungsvorhaben soll mit Hilfe ausgewählter theoretischer Fundierung neue Einsichten bezüglich des Verhältnisses zwischen kindlicher bzw. adoleszenter Innenwelt und individueller Medienwahl ermöglichen und die Perspektiven hinsichtlich (unbewusster) Wirkungsmechanismen von narrativen bzw. interaktiven violenten Medien erweitern.  Dazu wird eine verstehensbasierte Untersuchung mit psychoanalytisch-pädagogisch begründeten hermeneutischen Zugängen, in Form ausgesuchter Fallvignetten, zu den bewusst wie unbewusst geleisteten symbolischen Sinn- und Bedeutungszuschreibungen von medialer Gewalt verzahnt. Die so gewonnenen  Perspektiven ermöglichen so eine Annäherung zu den häufig als verstörend wahrgenommenen Aspekten der kindlichen wie adoleszenten Medienwahl und sollen differenzierte Zugänge zu ihren jeweiligen individuellen Erfahrungswelten etablieren.

GutachterInnen: Prof. David Zimmermann, Prof. Bernd Ahrbeck

 

Anja Juenemann:
Der Übergangsprozess in die außerfamiliäre Betreuung: Beziehungsprozesse, Soziale Interaktionen und Professionalität – eine psychoanalytisch-pädagogische Einzelfallstudie.

 

Christoph Müller:
Pädagogische Arbeit im sequentiell traumatischen Prozess. Geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Schule.

In meiner Arbeit geht es zentral um die Frage, wie sich die psychischen Belastungen und potentiellen Traumatisierungen geflüchteter Kinder und Jugendlicher in der Schule reinszenieren.

Im theoretischen Teil der Arbeit werde ich mit Rückgriff auf die Rahmenkonzeption der sequentiellen Traumatisierung und bezugnehmend auf konzeptionelle Grundlagen der Traumapädagogik und der Psychoanalytischen Pädagogik sowie mit Erkenntnissen der empirischen Unterrichts- und Schulforschung Überlegungen dazu entwickeln, was schwer belastete geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Schule erfahren und was das für die mit ihnen arbeitenden Lehrer*innen bedeutet.

Für den empirischen Teil der Arbeit werde ich themenzentrierte Tiefeninterviews mit Lehrer*innen und teilnehmende Unterrichtsbeobachtungen erheben und tiefenhermeneutisch auswerten, um herauszufinden, wie sich die Belastungen der Geflüchteten im Erleben und Handeln der Lehrer*innen widerspiegeln.

Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse werde ich wieder an theoretische Ansätze rückbinden und darauf aufbauend pädagogische Handlungsstrategien für diesen Kontext entwerfen.

GutachterInnen: Prof. David Zimmermann

 

Laura Schlachzig: Bewältigungs- und Orientierungsstrategien männlicher unbegleiteter minderjähriger geflüchteter Menschen in der Jugendhilfe.

Welche Strategien haben die Jugendlichen, um sich (in der Einrichtung) zu orientieren und den Alltag zu bewältigen?

Bei dem Forschungsvorhaben wird ein ethnographischer Ansatz, die ethnographische Lebensweltanalyse (verstehende Beschreibung von kleinen sozialen Lebenswelten) individueller Welterfahrungen nach Luckmann (1989) gewählt. Die Lebensweltanalyse (vgl. Honer, 2010) beschreibt hierbei den methodischen Versuch, die Welt aus Sicht einer anderen Person zu sehen (vgl. ebd., S. 198). Dabei werden männliche unbegleitete minderjährige Geflüchtete über einen Zeitraum von drei Monaten in ihrem Leben, vorwiegend innerhalb der Jugendhilfeeinrichtung, begleitet. Die Forscherin lebt dazu zeitweise als „Bewohnerin“ in einer Jugendhilfeeinrichtung, um den Alltag der Jugendlichen mitzuerleben.

GutachterInnen: Prof. David Zimmermann, Prof. Christine Hunner-Kreisel