Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens und Allgemeine Rehabilitationspädagogik

Empirische Forschungswerkstatt

Die empirische Forschungswerkstatt ist ein Angebot für alle Studierende und Forschende des Instituts für Rehabilitationswissenschaften. Sie ist sowohl ein Ort (Raum Geo 36, 114) als auch eine Forschungsgemeinschaft (Peer), die ein Verständnis von und Orientierung an Forschungsprozessen als reflektierte und interpretative Annäherung an (soziale oder kulturelle) Wirklichkeit(en) teilt, welche am besten kooperativ ausgestaltet werden.

In diesem Zusammenhang haben Studierende und Forschende die Möglichkeit, sich  zu vernetzen, gemeinsame Projekte zu konzipieren und durchzuführen. Allererst bietet die Forschungswerkstatt also ein (kritisches) doing research oder doing sience (oder vielleicht auch nur ein learning by doing). Im Sinne des o.g., geteilten Verständnisses gibt es zudem einerseits die Infrastruktur und – ein Stück weit ­– Expertise im Kontext qualitativ-rekonstruktiver Methodologie und anderseits die Möglichkeit, kleinere Studien in größeren Kontexten zusammenzufügen (Mosaic Approach; Schütz und Böhm 2021).

Praktisch werden in diesem Rahmen Abschlussarbeiten realisiert (und beraten), die auf selbst erhobenen Daten (beispielsweise aus dem LFP im Praktikumssemester (narrative und biographische Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmende Beobachtung, Vignetten und Videos) oder anderweitigen Erhebungen und Sammlungen (Dokumentenanalyse, Interpretation von Bild- und Textmaterial aus Medien, Kunst und (Pop-)Kultur) basieren. Zudem verfügt die Empirische Forschungswerkstatt selbst über Daten, die für Sekundäranalysen (Medjedović 2014) zur Verfügung gestellt werden können (siehe 2 und 3 unten).  

Derzeit sind die folgenden Aktivitäten zu verzeichnen:

  1. „Empirische Forschungswerkstatt (i.e.S.)“ (Colloquium, Materialdiskussion, Diskussionszirkel): In unregelmäßigen Treffen werden die Projekte der Forschenden vorgestellt und Daten bzw. deren Interpretationen diskutiert. Inputs und Impulse gibt es zu rekonstruktiven und interpretativen Forschungsmethoden (Kleemann u.a. 2013). Die Projekte – meinst im Kontext von (eigenen) Qualifizierungsarbeiten – sind entweder individuell konzipiert oder werden im Kontext der folgenden Verbundprojekte unter (An)Leitung von Hubertus Redlich realisiert:
  2. Bilder des Unterrichts – Bilder von Unterricht (Re*konstruktive Schul-, Unterrichts- und Inklusionsforschung; Budde et al. 2017): Ist davon die Rede, dass jemand in den (inklusiven) Unterricht geht, weiß jeder, was damit gemeint ist, kann sich jeder eine „Bild“ davonmachen bzw. verfügt über ein entsprechendes. Etwas Ähnliches passiert, wenn sich jemand als „Lehrer*in“ oder „Schüler*in“ (oder „(Lehramts-) Student*in“) vorstellt oder wenn über dieselben gesprochen wird, auch wenn vielleicht unbekannte Dritte gemeint sind (Rollen, virtuale soziale Identitäten; (Goffman 2011, 2012)). Allerdings ist Schule ja nicht gleich Schule, Unterricht nicht gleich Unterricht, Lehrer*in nicht gleich Lehrer*in, usf., und die (feinen) Unterschiede liegen im Detail. In diesem (neuen) Projekt werden Daten und Projekte vereint bzw. vernetzt, die der Frage nachgehen, was unterschiedliche Akteur*innen über Schule, Unterricht, pädagogische Praktiken und beteiligte Akteur*innen (nicht) wissen (und meinen), wenn sie darüber reden (implizites und explizites Wissen, Narrative). Anschlussfähige weitere Fragen sind solche zur Konstruktion und Anerkennbarkeit unterrichtlicher Normen, Kulturen sowie Beziehungen, Würde und Interaktionsordnungen in Schule und Unterricht. Insofern schließen die (Einzel-) Projekte an den Komplex der Perspektivenstudien an und beruhen jeweils auf einer oder mehrerer (unterschiedlich erhobene) Datensorten im Sinne von Mosaic Approach (Schütz und Böhm 2021), wo die Einzelteile untereinander oder auf einer ‚höheren‘ Ebene relationiert und*oder  zusammengeführt werden (können). Als Erhebungsverfahren kommen (Video-) Vignetten (hier verfügt die Empirische Forschungswerkstatt über einen entsprechenden Pool zur Nutzung für Sekundäranalysen), Fotographien oder Videotranskripte, Beobachtungsprotokolle (teilnehmende Beobachtungen), auf Basis derselben durchgeführte Gruppendiskussionen, Interviews, Dokumente in Frage. (Diese Projekte sind also anschlussfähig an Forschungen aus dem LFP im Praxissemester). Ausgewertet werden die Daten mit rekonsturktiven Verfahren aus dem Bereich der Ethnographie (Breidenstein et al. 2020; Knoblauch 2001), Phänomenologie (Schratz et al. 2012; Lippitz 2003; Schratz 2019), und Praxeologischen Wissenssoziologie (Bohnsack 2017, 2021).   
  3. Lernen und Lernen in institutionellen Kontexten: "Wer erfolgreich Lehren möchte, wird Lernen nicht ignorieren können" (Böss-Ostendorf und Senft 2011). Diese einfache Annahme ist allererst dahingehend treffend, wie sie den Begriff des Lernens gleichermaßen als (konstitutiven) Grundbegriff des Pädagogischen (Prange 2012) und damit pädagogischer Praxis markiert (Ricken 2010). Insofern wird danach gefragt, wie der Begriff und das Phänomen "Lernen" von Studierenden konstruiert und gerahmt wird, wie er aber auch von andere Lernende (in institutionellen Kontexten oder „privat“) elaborieren wird. Als Daten dienen Gruppendiskussionen, (realisierte) Studienprojekte und Seminarergebnisse zum Thema und Interviews, die teilweise vorliegen (Sekundäranalysen), aber auch schnell – qua Gruppendiskussionen mit Studierenden, Professionellen oder anderen (institutionell) Lernenden – erhoben und ausgewertet werden können. Methodischer Rahmen bildet in diesem Zusammenhang die Dokumentarische Methode der Interpretation (Bohnsack 2021, 2017; Kleemann et al. 2013, Kap. 5.). Ziel ist es, zu elaborieren, (wissenschaftlich-) disziplinäre Auffassungen mit alltagspraktischen vergleichen zu können und zu relationieren.
  4. Aus Geschichte(n) lernen - Zur Konstruktion von (Lern-)Behinderung: Die Darstellung von (Lern-) Behinderung in den Medien und die Inszenierung von (Lern-) Behinderung in Kunst- und Kultur sind sowohl für deren Un*Sichtbarkeit (Renggli 2004, 2005)  (mit-) verantwortlich, darüber hinaus aber auch geprägt von Alltäglichkeit und Kultur; insofern prägen diese wiederum, evozieren folglich Bilder und Identität (Radtke 2003) doppelt: Sie zeugen von ihr und erzeugen sie. Usf. Insofern lohnt es durchaus, Medien-, Kunst- und Kulturgüter zum (empirischen) Gegenstand einer Suche danach zu machen, wie Kategorisierungsprozesse von Behinderung ggü. Normalität als „interaktiv hergestellte und strukturell verankerte Komplementaritäten“ (Waldschmidt 2005) performiert werden. Doch auch die Medien-, Kunst und Kulturrezeption und -lektüre selbst gilt es in den Blick zu nehmen, wenn ihr Gegenstand nicht lediglich geprägt ist, sondern prägende, schaffende, subjektivierende Kraft inne hat (Reckwitz 2017). Inwiefern sind sie Gegenstand und Motor transformatorischer Bildung (Koller 2018)?

Interesse?!? Sie sind Herzlich Willkommen und erreichen uns per Mail sowie in unseren offenen Sprechzeiten (in Präsenz sowie vor Ort):

 

Hubertus Redlich (Wiss. Mitarbeiter*in) // hubertus.redlich[at]hu-berlin.de // 0049 (0)30 2093-66748 // GEO 36, 208

NN // forschung.all-reha[at]hu-berlin.de // 0049 (0)30 2093 66739 // GEO 36, 114

 

Forschungswerkstatt
Humboldt- Universität zu Berlin
Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät
Institut für Rehabilitationswissenschaften
FA Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens und Allgemeine Rehabilitationspädagogik
Postanschrift: Unter den Linden 6, 10099 Berlin
Sitz: Georgenstr. 36, 10117 Berlin, Raum 114  

 

Quellen (auch zum Stöbern):

Bohnsack, Ralf (2017): Praxeologische Wissenssoziologie. Opladen, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Bohnsack, Ralf (2021): Praxeologische Wissenssoziologie. In: ZQF 22 (1-2021), S. 87–105. DOI: 10.3224/zqf.v22i1.08.

Böss-Ostendorf, Andreas; Senft, Holger (2011): Einführung in die Hochschul-Lehre. Ein Didaktik-Coach. 1. Aufl. Stuttgart: UTB GmbH; Barbara Budrich

Breidenstein, Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff (2020): ETHNOGRAFIE. Die Praxis der Feldforschung. 3., überarbeitete Auflage. [S.l.]: UVK

Budde, Jürgen; Dlugosch, Andrea; Sturm, Tanja (Hg.) (2017): (Re-)Konstruktive Inklusionsforschung. Differenzlinien - Handlungsfelder - empirische Zugänge. Barbara Budrich.

Goffman, Erving (2011): Wir alle spielen Theater : die Selbstdarstellung im Alltag. München [u.a.]: Piper.

Goffman, Erving (2012): Stigma : über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. (21. Aufl.) Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kleemann, Frank; Krähnke, Uwe; Matuschek, Ingo (2013): Interpretative Sozialforschung. Eine praxisorientierte Einführung (2., korr. Aufl.). Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.

Knoblauch, Hubert (2001): Fokussierte Ethnographie. In: Sozialer Sinn 2 (1), S. 123–142. DOI: 10.1515/sosi-2001-0105.

Koller, Hans-Christoph (2018): Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. (2., aktualisierte Auflage). Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Lippitz, Wilfried (2003): Differenz und Fremdheit. Phänomenologische Studien in der Erziehungswissenschaft. Frankfurt am Main u.a.: Lang.

Medjedović, Irena (2014): Qualitative Sekundäranalyse. Zum Potenzial einer neuen Forschungsstrategie in der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer.

Prange, Klaus (2012): Die Zeigestruktur der Erziehung. Grundriss der Operativen Pädagogik. (2. Aufl.) Verlag Ferdinand Schöningh.

Radtke, Peter (2003): Zum Bild behinderter Menschen in den Medien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (08), S. 7–12.

Reckwitz, Andreas (2017): Subjektivierung. In: Robert Gugutzer, Gabriele Klein und Michael Meuser (Hg.): Handbuch Körpersoziologie. Band 2: Forschungsfelder und Methodische Zugänge. Wiesbaden: Springer VS.

Renggli, Cornelia (2004): Behinderung in den Medien. sichtbar und unsichtbar zugleich. In: medienheft. Online verfügbar unter http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k22_RenggliCornelia.html.

Renggli, Cornelia (2005): Disability Studies und die Un-/Sichtbarkeit von Behinderung. In: Psychologie und Gesellschaftskritik, 29 (1), 79-94.

Ricken, Norbert (2010): Allgemeine Pädagogik. In: Astrid Kaiser, Ditmar Schmetz, Peter Wachtel und Birgit Werner (Hg.): Bildung und Erziehung. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 15–42.

Schratz, Michael (2019): Erkundung von Qualität lernseits von Unterricht. In: Ulrich Steffens und Rudolf Messner (Hg.): Unterrichtsqualität. Konzepte und Bilanzen gelingenden Lehrend und Lernens : Grundlagen der Qualität von Schule 3. Münster: Waxmann, S. 313–328.

Schratz, Michael; Schwarz, Johanna F.; Westfall-Greiter, Tanja (2012): Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung. Innsbruck: Studien-Verl. .

Schütz, Sandra; Böhm, Eva Theresa (2021): Forschungsmethodische Vielfalt. Der Mosaic Approach. In: Ingeborg Hedderich, Jeanne Reppin und Corinne Butschi (Hg.): Perspektiven auf Vielfalt in der frühen Kindheit: Mit Kindern Diversität erforschen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 172–186.

Waldschmidt, Anne (2005): Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung? In: Psychologie und Gesellschaftskritik 29 (1), S. 9–31.