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Abb.: Vanessa Schreiber

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Rehabilitationspsychologie

Wirksamkeit Pferdegestützter Interventionen bei Kindern mit ADHS

1. Arbeitsgruppe am Institut für Rehabilitationswissenschaften und Kooperationspartner

Prof. Dr. Erwin Breitenbach (Humboldt-Universität zu Berlin)

Dr. Dörthe Machul (Humboldt-Universität zu Berlin)

Theres Nabra (Humboldt-Universität zu Berlin, Beteiligung an Vorstudie)

Alice Rathgeber (Humboldt-Universität zu Berlin, Beteiligung an Vorstudie)

 

Dr. Annette Gomolla (German Research Center for Equine Assisted Therapy gUG)

Dipl.-Päd. Elke Knaisch (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin)

Katrin Hofmann (Klinikum Christophsbad Göppingen)

Dr. Harald Ebert (Heilpädagogisches Forum e.V.)

 

2. Ziel des Forschungsprojekts

Das Ziel des Forschungsprojektes besteht in der Entwicklung und Evaluation eines Konzepts Pferdegestützter Intervention für Kinder mit ADHS. Gleichzeitig sollen grundlegende Wirkmechanismen Pferdegestützter Interventionen identifiziert und geklärt werden.  Indem die Studie zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einer innovativen Therapieform und zur Qualitätssicherung vorhandener Therapieangebote beiträgt, soll auch eine fundierte Grundlage für die Diskussion um die stärkere Einbindung Pferdegestützter Therapie in psychosoziale Versorgungsstrukturen in Deutschland geschaffen werden.

Bereits vorliegende Studien verweisen darauf, dass eine Pferdgestützte Intervention bei Kindern mit ADHS zu einer Reduzierung der Kernsymptomatik, in besonderer Weise zur  Verringerung der Hyperaktivität führt. Viele der diesbezüglichen Veröffentlichungen sind einzelfallbezogene aus praktischer Erfahrung erwachsene Erfolgsberichte (Hamsen 2003, Riedel 2005, Hosser 2012).

 3. Arbeitsprogramm

3.1 Vorstudie

Im Rahmen von zwei Bachelorarbeiten am Institut für Rehabilitationswissenschaft der Humboldt–Universität zu Berlin wurde eine Online-Befragung unter Fachkräften Pferdegestützter Interventionen durchgeführt, die folgenden Fragen klären soll:

  • Welche Interventionsansätze, welche spezifischen Strategien und Methoden werden bei pferdegestützten Interventionen bei Kindern mit ADHS eingesetzt?
  • Welche Veränderungen berichten die Fachkräfte in den Bereichen Hyperaktivität, Aufmerksamkeit/Konzentration und Impulsivität als Folge ihrer Behandlung?
  • Welche Faktoren und Besonderheiten pferdegestützter Intervention werden als Erklärung für die Wirksamkeit dieser Intervention bei Kindern mit ADHS angeführt?

Die zwischen Januar und März 2014 durchgeführte Erhebung soll Daten und Informationen für die Entwicklung eines ADHS-spezifischen pferdegestützten Therapiekonzepts liefern.

 

3.2 Forschungshypothesen

Aus den vorliegenden Befunden zu pferdegestützten Interventionen können verschiedene Überlegungen und Annahmen abgeleitet werden, welche nachfolgend als Untersuchungshypothesen aufgeführt werden:

H1: Die Teilnahme an einer pferdegestützten Intervention führt zu einer Verminderung der für Kinder mit ADHS typischen Symptomatik (Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität, Hyperaktivität) sowie der im Zusammenhang mit ADHS stehenden Begleitsymptomatik (aggressives Verhalten, Sozialverhalten, exekutive Funktionen, Lernprobleme) unabhängig von der Art der pferdegestützten Intervention. Der Therapieerfolg ist auf das Pferd als entscheidendem Wirkfaktor zurückzuführen.

H2: Das Reiten auf dem Pferd (EG 1) führt in erster Linie zu einer Reduzierung der hyperaktiven Symptomatik. Aufmerksamkeitsteuerung und Impulsivität bleiben unverändert.

H3: Das Reiten auf dem Pferd verbunden mit einer strukturierten Förderung (EG 2 und 3) führt zu Verbesserungen in der Aufmerksamkeitssteuerung.

H4: Das Reiten auf dem Pferd verbunden mit einer strukturierten Förderung (EG 2 und 3) führt zu einer Reduzierung der Impulsivität.

H5: Das Reiten auf dem Pferd verbunden mit einer strukturierten Förderung und mit zusätzlichen  Selbstregulierungsanweisungen (EG 3) führt zu signifikant größeren Therapieeffekten (Hyperaktivität, Impulsivität, Aufmerksamkeitssteuerung) als nur Reiten (EG 1) und Reiten mit strukturierte Förderung (EG 2).

H6: Die Alternativbehandlung führt zu signifikanten Therapieeffekten (Hyperaktivität, Impulsivität, Aufmerksamkeitssteuerung).

H7: Das Reiten auf dem Pferd verbunden mit einer strukturierten Förderung und zusätzlichen  Selbstregulierungsanweisungen (EG 3) führt zu signifikant größeren Therapieeffekten (Hyperaktivität, Impulsivität, Aufmerksamkeitssteuerung) als die Alternativbehandlung.

H8: Die Therapiemotivation ist sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern im pferdegestützten Therapiesetting signifikant höher als in der Alternativbehandlung.

 

3.3 Intervention

Die Intervention besteht aus insgesamt 15 wöchentlich stattfindenden 60-minütigen Einheiten im Zweiersetting. Es werden folgende vier Untersuchungsgruppen gebildet, denen die Kinder per Zufall zugewiesen werden:

  • Interventionsgruppe 1 (EG 1: Reiten): Beziehungsaufnahme zum Pferd; Geführtes Reiten in allen Gangarten auf dem Reitplatz oder im Gelände.
  • Interventionsgruppe 2 (EG 2: Pferd + Struktur): Beziehungsaufnahme zum Pferd; strukturiertes Pflegen und Aufzäumen des Pferdes; Führtraining sowie eigenständiges Reiten auf dem Reitplatz oder im Gelände; 
  • Interventionsgruppe 3 (EG 3: Pferd + Struktur + ADHS-spezifische Strategien): Beziehungsaufnahme zum Pferd; strukturiertes Pflegen und Aufzäumen des Pferdes; Führtraining sowie eigenständiges Reiten auf dem Reitplatz oder im Gelände;  Nutzung von Strukturierungshilfen (wie Ablaufkarten), Stopp-Regeln zur Impulskontrolle und Transfergesprächen für den Alltag.
  • Kontrollgruppe (KG): Alternative Interventionsform ohne Pferd mit Anteilen aus der Psychomotorik und verhaltenstherapeutischen Trainings für Kinder mit ADHS

Die Eltern sollen bei allen Gruppen möglichst regelmäßig anwesend sein, um günstige Verhaltensweisen ihrer Kinder während der Intervention wahrnehmen zu können. Sie sollen von den Therapeuten dabei unterstützt werden, ihre Kinder in ihren gewonnenen Kompetenzen zu bestärken und günstige Verhaltensweisen auch in den Alltag zu übernehmen.

Als Therapeuten werden Diplom-Psychologen, Diplom-Pädagogen oder Diplom-Sportwissenschaftler mit Zusatzqualifikation in Pferdegestützter Therapie (Reittherapie oder Pferdegestützte Psychotherapie) eingesetzt. Alle Therapeuten erhalten eine spezielle Schulung vor der Anwendung der Interventionen im Rahmen des Forschungsprojektes.

 

3.4 Stichprobe

In die Studie werden Kinder mit diagnostizierter ADHS (nach ICD-10 oder DSM IV) im Alter von 6-12 Jahren aufgenommen, welche von ihren Lehrern und Eltern als hyperaktiv, unkonzentriert und impulsiv beschrieben werden und bei denen dieses auffällige Verhalten während der Eingangsuntersuchung von Projektmitarbeiter(inne)n bestätigt wird. Außer ggf. einer Pharmakotherapie sollten parallel keine weiteren ADHS-Therapien oder Psychotherapien stattfinden. Die Kinder sollten über keine (umfangreiche) reiterliche Vorerfahrung verfügen. Die Teilnahme an der Studie erfolgt freiwillig und ist kostenlos. Die Stichprobe über alle Gruppen umfasst insgesamt 144 Kinder.

 

3.5 Forschungsinstrumente

  • Conners Skalen zu Aufmerksamkeit und Verhalten, CONNERS 3 (Befragung der Kinder und Eltern)
  • Diagnostik-System für Psychische Störungen nach ICD-10 und DSM-IV für Kinder und Jugendliche, DISYPS-II (Skalen FBB-ADHS und FBB-SSV zur Elternbefragung)
  • Elternfragebogen „ADHS-Wissen und Behandlungsmotivation“, EF-Motivation  
  • Evaluationsbogen für Eltern und Kinder zum Therapieverlauf, Therapiemotivation und Outcome, DORI-K
  • Inventar zur Erfassung von Impulsivität, Risikoverhalten und Empathie bei 9- bis 14-jährigen Kindern, IVE (Skala: Impulsivität; Befragung der Kinder)
  • Basisdiagnostik Umschriebener Entwicklungsstörungen im Grundschulalter, BUEGA (bp-Subtest zur Prüfung der Aufmerksamkeit)
  • Basisdiagnostik Umschriebener Entwicklungsstörungen im Vorschulalter, BUEVA-II (Subtest 6 zur Prüfung der Aufmerksamkeit)
  • Junior Temperament und Charakter Inventar, JTCI 7-11 R (Subskala SL - Selbstlenkungsfähigkeit; Elternbefragung)
  • Videogestützte Verhaltensbeobachtung, VB (standardisierte Situationen am Pferd)

 

3.6 Forschungsdesign

Zur Überprüfung der Hypothesen werden folgende Untersuchungsgruppen gebildet:

(1) Experimentalgruppe, EG (N=72) bestehend aus

  • EG 1 (Reiten, N=24),  EG 2 (Reiten+Struktur, N=24) und EG 3 (Reiten+Struktur+Strategie, N=24)
  • EG-W = halbe EG (Wartekontrollgruppe, Quasikontrollgruppe, N=36)

(2) Kontrollgruppe, KG (N=72) bestehend aus

  • KG-B (Alternativbehandlung, N=72)
  • KG-W = halbe KG-B (Wartekontrollgruppe, Quasikontrollgruppe, N=36)

Im Rahmen der Eingangsuntersuchung (MZP 1) werden jene Kinder ausgewählt, welche entsprechend den festgelegten Auswahlkriterien an der Studie teilnehmen können. Anschließend folgt für eine Hälfte der Kinder eine 15-wöchige Wartezeit (EG-W und KG-W), in der außer medikamentöser Therapie keine ADHS-spezifischen Therapien oder Maßnahmen durchgeführt werden. Die Kinder dieser Wartegruppe bilden eine Quasikontrollgruppe, deren Veränderungen den Entwicklungsverlauf zwischen MZP 1 und MZP 2 ohne therapeutische Intervention abbilden. Die andere Hälfte der Kinder erhält im ersten 15-wöchigen Interventionszeitraum entweder pferdegestützte Therapien (EG 1,2,3) oder eine Alternativbehandlung ohne Pferd (KG-B). Die Zwischenuntersuchung (MZP 2) stellt die Abschlussuntersuchung des ersten Interventionszeitraums und zugleich die Anfangsuntersuchung des zweiten Interventionszeitraums dar.

Im zweiten Interventionszeitraum, der ebenfalls 15 Wochen umfasst, werden alle Kinder der vorherigen Wartegruppe nun mit pferdegestützter Therapie (EG 1,2,3) oder einem Alternativprogramm ohne Pferd (KG-B) behandelt. Der zweite Interventionszeitraum wird mit der Abschlussuntersuchung (MZP 3) beendet. Sechs Monate nach der jeweiligen Abschlussuntersuchung erfolgt eine Follow-Up-Messung (MZP 4), die Auskunft über die Nachhaltigkeit der durchgeführten Interventionen geben soll. 

Die Interventionen werden an drei verschiedenen Standorten durchgeführt (Multi-Center), um ausreichend viele Kinder rekrutieren zu können. An allen drei Standorten sollen die Therapeut(inn)en geschult sein für die Pferdegestützte Intervention sowie für die Therapie ohne Pferd, so kann der Faktor Therapeutenpersönlichkeit kontrolliert werden.

Zur Auswertung der Daten werden aufgrund der kleinen Stichprobengrößen vor allem in EG 1, 2 und 3 neben den Gruppenvergleichen auch die entsprechenden Effektstärken berechnet.

https://www.reha.hu-berlin.de/lehrgebiete/rhp/forschung/www-pferd-abb2.jpg/image

Abb. 2: Forschungsdesign mit Messzeitpunkten und Untersuchungsgruppen

 

 4. Projektfinanzierung

Das Projekt wird finanziell unterstützt durch

  • Collette-Hecht-Stiftung, Hamburg
  • Schenk-Stiftung, München
  • Heilpädagogisches Forum, Würzburg

 

5. Literatur

Bass, M., Duchowny, C.A., Llabre, M.M. (2009). The Effects of Therapeutic Horseback Riding on Social Functioning in Children with Autism, Journal of Autism Developmental Disor-der, 39 (9), 1261-1267

Dabelko-Schoeny, H., Phillips, G., Darrough, E., DeAnna, S., Jarden, M., Johnson, D. u. Lorch, G. (2014): Equine-Assisted Intervention for People with Dementia. Anthrozoös  27, 141-155

Gultom-Happe, T., Pickartz, A., Schulz, M. (2006): tapfer, Therapeutische Arbeit mit dem Pferd.            Evaluationsstudie zur Wirksamkeit von heilpädagogischem Reiten bei Kindern mit autistischen Störungen. Quer. Kürten-Biesfeld

Hamsen, R. (2003): Bewegungsorientierte Förderung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefi-zit- und Hyperaktivitätssyndrom. Eine Evaluationsstudie zum Heilpädagogischen Volti-gieren. Dissertation Universität Dortmund

Hosser, D. (2012): Modellprojekt „Jim Knopf“ - Evaluation der Wirksamkeit von Reittherapie bei Kindern mit ADHS und / oder einer Störung des Sozialverhaltens. TU Braunschweig, https://www.tu-braunschweig.de/Medien-DB/psychologie/EPF/abschlussbericht-jim-knopf-2012.pdf, zuletzt geprüft am 18.02.2014

Riedel, M. (2005): Eine sportmedizinische Wirkanalyse des heilpädagogischen Voltigierens bei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (Dis). Bielefeld: Eigenverlag

Scheidhacker, M., Bender, W., Vaitl, P. (1991): Die Wirksamkeit der therapeutischen Reiten bei der Behandlung chronisch schizophrener Patienten: Experimentelle Ergebnisse und klinische Erfahrungen. In: Nervenarzt 62 (5), 283–287

Schmidt, J.; Gomolla, A. (2012): Auswirkungen der Reittherapie auf die psychische Befind-lichkeit von Patienten mit neurologischen Erkrankungen. In: Mensch und Pferd inter-national 4 (4), 148–152

Winkler, N., Beelmann, A. (2013): Der Einfluss pferdegestützter Therapie auf psychische Parameter. Eine quantitative Zusammenfassung des Forschungsstands. In: Mensch und Pferd international 5. (1), 4–16

 

6. Veröffentlichungen zum Projekt

Breitenbach, E., Gomolla, A., Machul, D. u. Rathgeber, A. (2015): Pferdegestützte Intervention bei Kindern mit ADHS. Erste Überlegungen zu einem Therapiekonzept und zu möglichen Wirkfaktoren. In: mensch & pferd international 7, (3), 96-108.