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Abb.: Vanessa Schreiber

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Rehabilitationspsychologie

Delfintherapie

Projektleitung/Projektmitarbeiter

Prof. Dr. Erwin Breitenbach (Universität Würzburg jetzt Humboldt-Universität zu Berlin)

Dr. Lorenzo von Fersen (Tiergarten Nürnberg)

Prof. Dr. Eva Stumpf (Universität Würzburg jetzt Universität Rostock)

Dr. Harald Ebert (Heilpädagogisches Forum e.V.)

 

Projektabschnitt 1: 1998 bis 2006

Im Jahr 1998 wurde das Forschungsprojekt zur Evaluation der Delfintherapie gegründet. Ausgangssituation stellten die zahllosen Medienberichte über Heilungserfolge von Delfintherapien weltweit dar, die bei Eltern von Kindern mit schweren Behinderungen große Hoffnungen weckten. Die Wirksamkeit dieser Delfintherapien war allerdings nicht hinreichend untersucht und daher fragwürdig. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden folgende Zielsetzungen verfolgt:

  • Entwicklung eines Therapiekonzeptes
  • Entwicklung eines Erklärungsansatzes für die Wirkweise
  • Überprüfung der Wirksamkeit dieses Therapieansatzes

 

1. Therapiekonzept

In Anlehnung an die Vorgehensweisen in den unterschiedlichen Delfintherapiezentren wurde ein therapeutisches Konzept entwickelt, das aus drei Bausteinen besteht:

Baustein 1: Urlaubs- und Freizeitatmosphäre
Durch Herstellen einer urlaubs- oder freizeitähnlichen Atmosphäre soll ein Erholungs-, Entspannungs- und Entlastungseffekt für die Familien bewirkt werden.

Baustein 2: Sozialpädagogische Betreuung der Familien
Durch Einzel- und Gruppengespräche wurde die gesamte Familie in den therapeutischen Prozess eingezogen und sozialpädagogisch betreut.

Baustein 3: Interaktion mit den Delfinen
Die Interaktionsmöglichkeiten mit den Delfinen sind aufgrund ihrer hohen Lernfähigkeit und guten Steuerbarkeit durch Handzeichen der Delfintrainer äußerst vielfältig. Dadurch ergeben sich auch für den Therapeuten vielfältige therapeutische Handlungsmöglichkeiten, die gezielt und systematisch eingesetzt werden können.

 

2. Erklärungsansatz zur Wirkweise der Delfintherapie

Während der Therapiesitzungen im Delfinarium sind die Kinder hoch motiviert, an der Interaktion mit dem Delfin teilzunehmen. Sie werden ermutigt, eigene Handlungsimpulse zu zeigen, und erhalten die Möglichkeit, die Situation aktiv zu gestalten. Dazu ist erforderlich, dass sie ihre Möglichkeiten der Kommunikation einsetzen, um ihre Bedürfnisse zu äußern. Diese Versuche zur Kommunikation führen insofern zum Ziel, als die Situation vom Therapeuten nach den Handlungsimpulsen des Kindes ausgerichtet wird. Die Eltern beobachten ihr Kind während der Therapiesitzung mit einer gewissen Distanz, ohne für die Situation verantwortlich zu sein. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, auch geringe Signale ihres Kindes sensibel wahrzunehmen. Neue Verhaltensweisen können erkannt und bekannte Verhaltensmuster aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Als Konsequenz reagieren sie nach der Therapiewoche sensibler auf die Signale ihres Kindes, was dieses wiederum zur weiteren aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt ermutigt. Es kommt zu einer besseren Abstimmung der Eltern-Kind-Interaktion.

Um diese positiven Effekte zu erzielen, müssen bei Eltern und Kind gleichermaßen Impulse für eine Veränderung erwirkt werden. Nur wenn es gelingt, die Eltern für die Kompetenzen und Signale ihres Kindes zu sensibilisieren, kann erwartet werden, dass es zu messbaren Effekten bei den Kindern kommt. Dazu ist es notwendig, den Eltern durch die Distanz zum Alltag einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen (Baustein 1 des Therapiekonzepts). Weiterhin ist erforderlich, das Verhalten der Kinder mit den Eltern gemeinsam zu beobachten und gemeinsame Interpretationen zu erarbeiten (Baustein 2 des Therapiekonzepts).

 

3. Überprüfung der Wirksamkeit

Forschungsinstrumente

Da zur Messung von Therapieeffekten bei Kindern mit schweren Behinderungen keine angemessenen Instrumente und Methoden vorlagen, wurde ein breit gefächertes Instrumentarium entwickelt, was einen vielfältigen Zugang ermöglichte. Standardisierte Fragebögen zur Erfassung der Kommunikationsfähigkeit und der sozial-interaktiven Fähigkeiten bei Menschen mit schweren Behinderungen wurden entwickelt, die einer Prüfung mit gängigen Gütekriterien gut standhalten. Desweiteren wurde ein Verfahren zur systematischen Verhaltensbeobachtungen konstruiert, mit dessen Hilfe die Kommunikation und Interaktion zwischen Bezugsperson und schwer behindertem Kind objektiv und reliabel erfasst werden konnte. Als drittes Messinstrument wurden ein Interviewleitfaden und entsprechende Auswertungskategorien für halbstandardisierte Elterninterviews entwickelt. Mit dieser Methode konnte der Entwicklungsstand des Kindes differenziert erfasst werden.

Forschungsdesign

Die Hypothesen zur Wirksamkeit der Delfintherapie wurden anhand eines kontrollierten Prä-Post-Vergleichs mit vier Vergleichsgruppen überprüft. Insgesamt haben 118 Familien mit je einem Kind mit schwerer Behinderung im Alter von 5 bis 10 Jahren teilgenommen. Die Stabilität der erzielten Effekte wurde sechs Monate nach der Teilnahme an der Delfintherapie überprüft.

Ergebnisse

Die erzielten Ergebnisse zeigen, dass die Eltern positive Veränderungen im sozial-emotionalen und kommunikativen Verhalten ihrer Kinder wahrnehmen, die auf die Delfintherapie zurück zu führen sind. Sie beschreiben ihre Kinder nach der Delfintherapie als selbstsicherer und bescheinigen ihnen eine höhere sozial-emotionale Kompetenz. Weiterhin beobachten sie eine Zunahme beim Verständnis und Einsatz verbaler Sprache sowie eine erhöhte nonverbale Reaktivität. Diese von den Eltern wahrgenommenen und beschrieben Veränderungen sind deutliche Therapieeffekte, die mindestens über ein halbes Jahr hinweg stabil blieben. Diese subjektiven Einschätzungen der Eltern werden durch die objektiven Daten aus der Verhaltensbeobachtung tendenziell gestützt. Damit erweist sich das entwickelte therapeutische Konzept von Delfintherapie und das daraus abgeleitete therapeutische Handeln als wirksam bei der Behandlung von Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren, deren Kommunikations- und Interaktionsprobleme im Zusammenhang mit einer schweren Behinderung entstanden sind.

Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass nicht alle drei Therapiebausteine in gleicher Weise für die Wirksamkeit der Delfintherapie verantwortlich gemacht werden können. Da beachtliche Effekte in der Kommunikationsfähigkeit auch ohne das Herstellen einer Urlaubs- und Freizeitatmosphäre und ohne eine sozialpädagogische Betreuung der Eltern erzielt werden konnten, scheinen diese beiden Bausteine zumindest in der im Forschungsprojekt angebotenen Form nicht so wirksam wie vermutet.

 

Veröffentlichungen zum 1. Abschnitt des Forschungsprojekts

  • Breitenbach, E. u. Stumpf, E. Tiergestützte Therapie mit Delfinen. In Olbrich, E. u. Otterstedt, C. (Hg.), Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Therapie und Pädagogik. Stuttgart 2003, 145-172
  • Breitenbach, E., Stumpf, E., v. Fersen, L. u. Ebert, H. Hoffnungsträger Delfin. Mögliche Effekte und Wirkfaktoren tiergestützter Therapie bei Kindern mit Behinderungen, aufgezeigt am Beispiel der Delfintherapie. Geistige Behinderung 43, 2004, 339-357
  • Breitenbach, E. Tiergestützte Pädagogik und Therapie aus empirischer Sicht. Lernen konkret 25, 2006, 2-5
  • Breitenbach, E., v.Fersen, L., Stumpf, E. u. Ebert, H. Delfintherapie für Kinder mit Behinderungen. Analyse und Erklärung der Wirksamkeit. Würzburg 2006
  • Breitenbach, E. Jeden Tag ein kleines Wunder? Mögliche Effekte und Wirkfaktoren tiergestützter Therapie bei Kindern mit Behinderungen, aufgezeigt anhand einer Evaluationsstudie zur Delfintherapie. In Arbeitsgemeinschaft Frühförderung sehgeschädigter Kinder (Hg.). Besondere Herausforderungen durch besondere Kinder. Kinder mit Mehrfachbehinderungen in der Frühförderung. Würzburg 2007, 35-54
  • Breitenbach, E., Stumpf, E., v.Fersen, L. u. Ebert, H. (2009): Dolphin-Assisted-Therapy: Changes in Interaction and Communication between Children with Severe Disabilities and their Caregivers. Anthrozöos 22, 277-289

 

Projektabschnitt 2: 2006 bis 2011

Auf Grundlage der Ergebnisse des ersten Projektabschnittes wurde das Therapiekonzept überarbeitet. Aktuell werden jährlich 2-4 Therapiewochen durchgeführt, um dieses Konzept in der Praxis zu erproben und dessen Wirksamkeit zu prüfen. So können die bisherigen Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Delfintherapie ausgeweitert und differenziert werden.

Zielgruppe

Die Delfintherapie in Nürnberg wurde für die Behandlung von Kindern mit unterschiedlichen Behinderungen (z.B. Down-Sydnrom, körperliche Behinderung, geistige Behinderung, Autismus) im Alter von 5 bis 10 Jahren entwickelt. Auch am aktuellen Forschungsprojekt können Kinder in diesem Altersbereich teilnehmen.

Therapiewoche

Eine Therapiewoche umfasst zehn Kalendertage mit acht Therapietagen. Die Therapiesitzungen werden im Delfinarium Nürnberg von einem/einer erfahrenen Physiotherapeuten/Physiotherapeutin durchgeführt. Der gesamte Therapiezyklus wird durch ein Team von Diplom-Psychologen und Sonderpädagogen begleitet und supervidiert. In unserem aktuellen Therapiekonzept ist das Einbeziehen eines Elternteils in die Therapiesitzungen vorgesehen. Ergänzend zu den Therapiesitzungen im Delfinarium werden Elterngespräche (Anamnese, Therapieverlauf, Abschlussgespräch) mit dem Projektteam geführt. Für die Unterbringung im Raum Nürnberg sorgen die Familien eigenverantwortlich.

Forschung

Um Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Delfintherapie zu erhalten, füllen die Eltern vor und nach der Therapie Fragebögen zur Entwicklung ihres Kindes aus, die ihnen postalisch übermittelt werden. Diese Angaben werden durch das Einbeziehen eines Betreuers des Kindes (z.B. Logopäde, Ergotherapeut) ergänzt.

Veröffentlichungen zum 2. Abschnitt des Forschungsprojekts

  • Stumpf, E. u. Breitenbach, E. (2014): Dolphin-Assisted Therapy with Parental Involvement for Children with Severe Disabilities: Further Evidence for a Family-Centered Theory for Effectiveness. Anthrozoös 27, Heft 1, 95-109.